Offene Fragen und Roboter-Angst nach der Revolution
Von Andreas Kloo
München - FIFA-Präsident Joseph S. Blatter sprach von einem "historischen Tag" für den Fussball, viele andere von einer echten Revolution.
Der Weltverband hat sich am Donnerstag für die Einführung der Torlinien-Technologie entschieden und damit eine jahrelange Diskussion vorerst beendet.
Endlich kann klar und eindeutig mittels technischer Hilfsmitteln entschieden werden, ob der Ball mit vollem Umfang hinter der Linie war oder nicht.
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bremste allerdings die Freude über die FIFA-Entscheidung gleich einmal: "Schnellschüsse in der Umsetzung darf es nicht geben. Zur neuen Saison ist eine Einführung absolut unmöglich."
Letztlich bleiben nach dem Beschluss der FIFA viele offene Fragen.
SPORT1 beantwortet die wichtigsten:
1. Wann wird die Torlinientechnologie erstmals eingesetzt?
Bei der Klub-WM in Japan im Dezember verwendet die FIFA die Technik zum ersten Mal, ebenso danach beim Confed Cup 2013 und bei der WM 2014 in Brasilien.
Ohnehin müssen die entsprechenden technischen Systeme von der FIFA noch zertifiziert und die jeweiligen Stadien auf die Machbarkeit hin überprüft werden.
2. Gibt es die Torlinien-Technologie nun auch in der Bundesliga?
Dazu sagt DFL-Präsident Reinhard Rauball: "Eine Einführung in der Bundesliga zur neuen Saison halte ich für absolut ausgeschlossen. Ich kann mir das frühestens zur Saison 2013/2014 vorstellen. "
Höchst fraglich ist, ob die Technologie dann beispielsweise auch in der Dritten Liga eingesetzt wird.
"Man muss sehen, was das für die unteren Ligen bedeutet. Denn in Wimbledon ist es ja auch so, dass die Hawkeye-Technologie auch nur auf den Plätzen 1 und 2 genutzt wird", wagt Rauball einen Vergleich mit dem Tennis.
Grundsätzlich äussert er sich aber in der "Bild" positiv: "Ich freue mich, dass die Tür für die Torlinien-Technik und den Chip im Ball jetzt offen ist. Das ist für die Zukunft des Fussballs ein erster wichtiger Schritt."
3. Wie funktioniert die technische Umsetzung?
Auch das ist noch nicht ganz klar. Möglichkeiten gibt es nämlich zwei. Entweder den von Rauball angesprochenen Chip im Ball. Dieses System wird über ein Magnetfeld am Tor gesteuert, ähnlich der Diebstahlsicherung in Kaufhäusern.
Überschreitet der Ball die Linie, erhält der Schiedsrichter ein Funksignal an seine Armbanduhr.
Die Alternative wäre das aus dem Tennis bekannte Hawk-Eye-System. Kameras erfassen dabei die Spielsituation. Der Schiedsrichter muss aber keinen Blick auf die Bildschirme werfen, sondern soll durch einen Vibrations-Alarm darüber informiert werden, wenn der Ball hinter der Linie ist.
Allerdings betont die FIFA: Die Technologie ist nur ein Hilfsmittel für den Referee. Er muss sich nicht danach richten.
Und: Nur er erhält das technische Signal, niemand sonst im Stadion.
Die Zuschauer dürfen also weiterhin diskutieren: Drin oder nicht drin?
4. Wie teuer ist die Torlinien-Technologie?
Laut FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke kostet die Umsetzung zwischen 120.000 Euro und 150.000 Euro pro Stadion. Auch deshalb ist eine Einführung in den unteren Ligen nahezu unmöglich.
5. Wird die Technologie auch für andere Streitfälle eingesetzt?
Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge warnt bereits: "Ich finde, dass wir das Rad nicht weiterdrehen sollten in dem Sinne, dass dann zukünftig auch noch über Abseits oder Foulspiel mittels Technik entschieden wird."
Dem schob der Weltverband aber vorerst einen Riegel vor. Der International Football Association Board (IFAB) hielt fest, dass die Technologie einzig für die Torlinie genutzt werden soll.
6. Was passiert mit den Torrichtern?
Die zusätzlichen Schiedsrichter-Assistenten an den Torlinien bleiben weiterhin bestehen. Die FIFA bewertete die Testpahse in den letzten Jahren positiv und führt die Torrichter nun offiziell ein.
Klingt wie ein Widerspruch zur Torlinien-Technologie. Ist es auch. Aber die FIFA will sich weiterhin alle Türen offen halten. Nach dem Motto: "Alles kann, nichts muss."
Dennoch gehören jahrelange Streitigkeiten wie um das Wembley-Tor 1966 bald der Vergangenheit an.
Gegner der neuen Torlinien-Technik gibt es trotzdem. Allen voran UEFA-Präsident Michel Platini. Der Franzose sagt ganz klar: "Ich bin nicht nur gegen Torlinientechnologie, sondern gegen Technologie an sich."
Ins gleiche Horn bläst Mainz-Präsident Harald Strutz: "Wenn das mit den technischen Hilfsmitteln ausufert, dann spielen wir irgendwann nur noch mit Robotern!"
SPORT1











