Feuerkopf statt Biedermann
Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger muss gehen und wird ersetzt durch den bisherigen des DFB, Matthias Sammer:
Es ist eine Hammer-Entscheidung - die aber nachvollziehbar ist und ein Schlaglicht wirft auf das bisherige Binnenverhältnises an der Säbener Strasse.
Klar ist: Der Rekordmeister macht Nerlinger verantwortlich für zwei höchst magere Jahre mit dem "Drama dahoam", dem verlorenen Champions-League-Finale im eigenen Stadion, als Tiefpunkt.
Und mit ihm wird eine Rückkehr in die Erfolgsspur ausgeschlossen.
Nerlinger das Amt gekostet haben "unterschiedliche Auffassungen über das Konzept für die Zukunft der Mannschaft", wie der Klub den Rauswurf offiziell begründet.
Ein drittes Jahr ohne Titel kann und will sich der FCB schlichtweg nicht leisten. Es ist verständlich, dass der Klub mit Sammer deshalb auf einen starken Mann setzt.
Zu einem solchen war Nerlinger in seinen drei Amtsjahren - trotz des Double-Gewinns 2010 - nie geworden. Die Fussstapfen von Uli Hoeness waren einfach zu gross:
Nerlinger wurde nach dem Wechsel Hoeness' vom Managerposten ins Präsidentenamt im November 2009 nicht zum erhofften Nachfolger, obwohl er zuvor als Teammanager in die Aufgabe hineinwachsen durfte.
Nerlinger wirkte nach aussen hin immer zu brav, bieder und blutleer. Schon zum Amtsantritt hatte er erklärt, kein Regierungsprogramm zu haben.
Kredit verspielte der einstige Bayern-Profi nicht zuletzt damit, in der jüngsten Saison die Meisterschaft allzu früh abgehakt zu haben und auch nicht immer voll auf der Linie von Trainer Jupp Heynckes gewesen zu sein.
Man mag den Bayern vorwerfen, mit dem Rauswurf von Nerlinger billig einen Sündenbock auserkoren zu haben.
Mit Sammer hat sich der erfolgsgetriebene FCB nun aber wieder einen Siegertypen an die vorderste Front gestellt, der ihm zuletzt abging.
Der 44-Jährige, der beim DFB Durchsetzungsstärke und ein Händchen für erfolgreiche Nachwuchsarbeit bewies, dabei auch Konflikte nicht scheute, hat ob seines emotionalen Charakters nicht umsonst die Beinamen Motzki und Feuerkopf.
Er ist damit der absolute Gegenentwurf zu Biedermann Nerlinger und ist auch der von Hoeness so gerne bedienten Abteilung Attacke mächtig.
Den Machtverlust, weil der Ex-Nationalspieler nun in der eigens für ihn geschaffenen Funktion eines Sport-Vorstands agiert, nehmen die Bayern-Bosse dafür in Kauf.
Abzuwarten bleibt, was die Entscheidung für Heynckes und seinen Nachfolger bedeutet, wenn zumindest medial bei jeder sportlichen Krise immer der Schatten-Trainer Sammer als Schreckgespenst droht.
Beim DFB wird man Sammers Abgang mit gemischten Gefühlen sehen. Schliesslich dürfte es Neu-Präsident Wolfgang Niersbach schwer haben, den personellen Aderlass schnell zu kompensieren.
Bundestrainer Joachim Löw dagegen, mit Sammer häufig über kreuz, ist seinen letzten Gegenspieler losgeworden.
Was einer konstruktiven wie kontroversen Aufarbeitung des deutschen EM-Scheiterns allerdings wenig förderlich ist.
SPORT1



















