Spanien im nächsten Level - Nasri wird ausfällig
Aus der Ukraine berichtet Mathias Frohnapfel
Donezk - Nein, als Kopfballungeheuer ist Xabi Alonso bislang nicht in Erscheinung getreten.
Umso mehr genoss der Spanier seinen Streich beim 2:0-Sieg im EM-Viertelfinale gegen Frankreich. Per Kopf hatte er nach wunderbarer Flanke von LinksverteidigerJordi Alba die Führung erzielt und nach 19 Minuten zugleich sämtliche französische Pläne zerstört. (Spielbericht: Spanien souverän ins Halbfinale)
Spanien bekommt es nun im Halbfinale mit dem Nachbarn und Erzrivalen Portugal zu tun .
""Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mein letztes Kopfballtor gemacht habe", berichtete Alonso einem britischen Reporter und riet danach ganz ernst: "Das müssen Sie auf Wikipedia nachschauen."
Doppelpack im Jubiläumsspiel
Fünf Jahre spielte Spaniens Mittelfeldantreiber für den FC Liverpool, ehe er 2009 zu Real Madrid wechselte.
Mit seinem zweiten Tor, einem Elfmetertreffer in der 90. Minute, machte er den spanischen Abend in Donezk perfekt.
Ein Jubiläum lässt sich besser nicht feiern.
"Zwei Tore in meinem 100. Länderspiel machen mich auch persönlich sehr, sehr glücklich", flötete Alonso.
Spanien ohne echten Mittelstürmer
Der 30-Jährige ist immerhin 1,83 Meter gross, Kopfbälle waren bisher dennoch nicht seine Stärke.
Das mag neben seiner Position im Spielzentrum auch damit zu tun haben, dass die Spanier den Ball am liebsten am Boden behalten.
Gegen die "Equipe Tricolore" leistete sich Trainer Vicente del Bosque den Luxus ohne echten Mittelstürmer zu agieren, stattdessen lief der gelernte Mittelfeldspieler Cesc Fabregas in vorderster Linie auf.
Diese Variante hatte Del Bosque bereits beim 1:1 in Eröffnungsspiel gegen Italien getestet.
Nun packte der Trainerfuchs sie auch erfolgreich gegen "Les Bleus" aus und holte sich damit einen Eintrag in die Historienbücher. Zum ersten Mal überhaupt gab es einen spanischen Sieg über Frankreich bei einer EM oder WM.
"Eine Marionette in den Händen Spaniens"
Dank ihres unglaublich präzisen Passspiels hatten die Spanier ihre Rivalen fast immer unter Kontrolle, bis zur Pause vermochte sich Frankreich trotz eines emsig wühlenden Franck Ribery keine einzige Torchance aus dem Spiel erarbeiten.
"Eine Marionette in den Händen Spaniens", lästerte die spanische Sporttageszeitung "Marca" über die Franzosen. Und das Konkurrenzblatt "AS" stellte zufrieden fest: "Otra prueba superada" ("Die nächste Probe gemeistert").
Noch zwei Siege und der Triumph der "Furia Roja" wäre perfekt: Noch nie zuvor hat eine Mannschaft den EM-Titel verteidigt.
Zuvor haben die Fussballgötter den Spaniern aber noch das Traumhalbfinale gegen Portugal zugeteilt.
"Das ist kein Spiel gegen Cristiano"
Nicht nur für Sergio Busquets eine Partie mit Gänsehaut-Effekt.
"Es ist sehr speziell für uns", sagte der Barca-Profi der Mittelfeldspieler und ergänzte wohlkalkuliert: "No es un partido contra Cristiano" ("Das ist kein Spiel gegen Cristiano").
Allerdings wird auch Busquets nicht verhindern können, dass Cristiano Ronaldo vs. Spanien in den nächsten Tagen das ganz grosse Thema sein wird.
Trainer Del Bosque machte sich derweil Sorgen darum, dass sein Team ja zwei Regenerationstage weniger als die Portugiesen habe, die bereits am Donnerstag spielten.
In der öffentlichen Berechnung der Chancen dürfte der Faktor Kraft indes keine so grosse Rolle spielen, zu dominant waren die Spanier gegen Frankreich.
Verhaltener Jubel in Kiew
Das sahen auch die mehreren tausend Zuschauer in der Fan-Zone von Kiew so.
Für Alonsos Führungstreffer gab es etwas Applaus.
Die ersten Engländer, die vor dem eigenen Viertelfinale gegen Italien (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) in der Stadt weilten, sinnierten bereits bierselig darüber, wie die "Three Lions" in einem möglichen Finale Spanien besiegen würde.
Blanc hält zu Frankreichs Defensive
Süsse Sorgen und Träumereien. Die Franzosen sind indes mit dem Hosenboden voraus in der Realität aufgeprallt.
"Gegen Spanien ist es schwer, das weiss doch jeder", jammerte Laurent Blanc. ..
Trotzig verwies Frankreichs Trainer aber auf seine Beobachtung: "So viele Torchancen hatten sie auch nicht."
Ribery geht kommentarlos
Als Hauptmanko seiner Truppe machte Blanc die "fehlende Präzision" aus.
Bayern-Star Ribery verzichtete derweil komplett auf eine Einordnung, schlich enttäuscht aus der Arena in Donezk.
Nach drei verpassten Titeln mit dem FCB ist die verpatzte EM die nächste Enttäuschung für "Kaiser Franck".
Immerhin trat Ribery erhobenen Hauptes ab, während sein Team sich schon nach der 0:2-Pleite gegen Schweden gefetzt hatte. Die beiden grössten Wüteriche Hatem Ben Arfa und Samir Nasri hatte Blanc konsequent auf die Bank platziert.
Den Ärger von ManCity-Star Nasri steigerte das noch.
"Ihr sucht immer die Scheisse"
Nach der Partie ging er laut der französischen Sportzeitung "L'Equipe" auf einen Reporter los und herrschte ihn an: "Vous les journalistes, vous cherchez toujours la merde!" ("Ihr Journalisten sucht immer die Scheisse!")
Und da Nasri sich gerade so schön erregt hatte, beschimpfte er den verdutzten Reporter gleich noch als Hurensohn.
"Jetzt kannst du wenigstens schreiben, dass ich schlecht erzogen bin".
Zudem soll der 25-jährige Heisssporn noch gedroht haben, den Journalisten vor dem Stadion erwarten zu wollen.
Das war das beschämende Ende von Frankreichs EM-Abenteuer.
SPORT1

