Lizenz zum Absturz oder Eintrag in die Historie?
Von Tobias Wiltschek
München - 75 Millionen Euro soll der Brite Lewis Hamilton bei Mercedes in den nächsten drei Jahren kassieren .
Das ist zwar eine satte Gehaltserhöhung, reicht aber wohl nicht an die Summe heran, die ihm McLaren für einen Verbleib geboten hätte.
"Ich weiss, dass wir ihm ein sehr grosses finanzielles Angebot gemacht haben", erklärte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh und betonte, Hamilton wäre bei den Chrompfeilen zum bestverdienenden Piloten im kommenden Jahr avanciert.
Was aber hat den Weltmeister von 2008 dazu bewogen, von einem Erfolgsteam zu Mercedes zu wechseln? Über diese Frage zerbrechen sich die britischen Motorsport-Fans den Kopf .
16:1 für McLaren
Hamilton verwies zwar auf seine grosse Vorfreude auf die neue Herausforderung bei Mercedes und erklärte: "Zusammen können wir das Ziel Weltmeisterschaft erreichen."
Doch so richtig wollen ihm das seine Landsleute nicht abnehmen. Zumal die Stuttgarter seit ihrem Wiedereinstieg in die Formel 1 vor drei Jahren nicht über den Status eines Mittelklasse-Teams hinauskamen.
In drei Jahren haben es die Silberpfeile bislang auf einen einzigen Rennsieg durch Nico Rosberg in Schanghai gebracht. Im gleichen Zeitraum feierte McLaren 16 GP-Erfolge.
Dies lasse Hamiltons Entscheidung "wie sportlichen Selbstmord aussehen", heisst es im "Independent" in drastischen Worten.
"Lewser" bei Mercedes
Die "Sun" bezeichnete den 27-Jährigen als "Lewser" und äusserte mit diesem Wortspiel schon mal die Vermutung, dass Hamilton bei Mercedes nur verlieren könne.
Doch genau darin dürfte der grosse Reiz für ihn bestehen. Er will allen beweisen, dass er auch aus den bislang schwächelnden Silberpfeilen ein Siegerteam machen kann. Als Weltmeister im Mercedes wäre ihm ein Eintrag in die Geschichtsbücher sicher.
Bestärkt wurde er in seiner Entscheidung offenbar auch von Niki Lauda, der zur kommenden Saison neuer Aufsichtsratschef bei Mercedes wird.
Nach Informationen von "auto, motor und sport" wurde Hamilton schon in Singapur in sämtliche technischen und personellen Pläne eingeweiht. Und ihm wurde versprochen, alles zu tun, damit er im nächsten Jahr ein Siegerauto erhält.
Grösserer Freiraum
Schliesslich war es wohl auch der grössere Freiraum, der ihm zu einem Wechsel zu Mercedes bewogen hat.
Nicht nur hinsichtlich der Vermarktung wurden ihm bei McLaren enge Grenzen gesetzt. Er musste auch alle Siegerpokale beim Team abgeben und durfte lediglich Kopien für sich anfertigen lassen.
Dennoch hätte ihn womöglich ein Sieg in Singapur doch noch von der Fortsetzung seiner Karriere bei den Chrompfeilen überzeugt, meinte ein Mercedes-Vertreter bei "auto, motor und sport".
Das Fachmagazin berichtet, dass wohl auch in diesem Fall Mercedes mit Michael Schumacher nicht verlängert hätte. Demnach hatten die Stuttgarter ihre Fühler nach Sergio Perez ausgestreckt, der dann bekanntlich bei McLaren gelandet ist.
Doch nach seinem Ausfall in Singapur war angeblich Hamiltons Entscheidung pro Mercedes und gegen McLaren gefallen. Eine Entscheidung, die ihm die restlichen Wochen der laufenden Saison nicht erleichtern dürfte.
Whitmarsh zeigt kein Verständnis
Denn nicht nur die britische Presse, sondern auch der eigene Teamchef reagierte mit Unverständnis auf den Abgang des Zöglings, der in seinen 14 Jahren bei McLaren zum Weltmeister und Superstar der Szene wurde.
"Ich würde niemandem raten, McLaren zu verlassen. Ich denke, dass es ein Fehler ist", sagte Whitmarsh.
Hamilton werde zwar noch in die Entwicklungsarbeit am aktuellen Auto eingebunden. Von den Projekten, die das Fahrzeug für 2013 betreffen, werde er aber ausgeschlossen.
Die Enttäuschung über seine Entscheidung muss McLaren jedoch schnell ablegen.
Hamilton mit Titelchancen
Denn schon am kommenden Wochenende geht die aktuelle Saison mit dem 15. Rennen im japanischen Suzuka in ihre entscheidende Phase. Und Hamilton kann immer noch Weltmeister werden .
Immerhin hat er mit 52 Punkten Rückstand auf WM-Spitzenreiter Fernando Alonso zumindest noch theoretische Chancen auf den Titel.
"Wir haben ein konkurrenzfähiges Auto, und es sind noch sechs Rennen zu fahren. Wir können jedes dieser Rennen und in meinen Augen auch die Meisterschaft gewinnen", sagte Whitmarsh bei "Sky Sports".
Das Team werde Hamilton voll unterstützen. "Er ist ein grossartiger Rennfahrer und sehr stark. Er weiss, dass er Rennen gewinnen kann. Darauf werden wir hinarbeiten", erklärte der 54-Jährige.
SPORT1










