Mercedes und sein Motor: Prunkstück als Schwäche?
Von Andreas Haupt
Der Grosse Preis von Ungarn war ein Tiefpunkt der Saison für Mercedes.
Auf dem Hungaroring schafften es weder Nico Rosberg noch Michael Schumacher in den dritten Qualifikations-Abschnitt.
Rosberg landete auf dem 13. Platz, Rekordweltmeister Schumacher musste sich gar mit Rang 17 begnügen.
Im Rennen rettete Rosberg dann noch einen Punkt für das Team .
Nach dem elften von 20 Formel-1-Läufen der Saison 2012 belegt die Mannschaft von Teamchef Ross Brawn den fünften Platz in der Konstrukteurswertung .
Zu wenig für die eigenen Ansprüche.
Guter Saisonstart dank DRS-System
Zu Saisonstart hatte noch alles anders ausgesehen. In den Qualifikationstrainings erreichten Rosberg und Schumacher dank eines ausgeklügelten Doppel-DRS-Systems häufig die vorderen Plätze.
In Australien und Malaysia fuhr Schumacher jeweils in die zweite Startreihe.
Beim dritten Rennen, dem Grossen Preis von China, liess Rosberg seiner Pole-Position einen souveränen Start-Ziel-Sieg folgen.
Im Entwicklungsrennen zurück
Seit dem Europa-Auftakt in Barcelona ist jedoch eine Tendenz zu erkennen: Mercedes fällt im Entwicklungsrennen zurück.
Rosbergs zweiter Platz in Monaco sowie Schumachers schnellste Quali-Zeit im Fürstentum und seine Podiumsfahrt in Valencia bilden die wenigen Ausnahmen.
Monaco ist jedoch eine spezifische und kaum repräsentative Strecke. In Valencia profitierte Mercedes vom Unfall zwischen Lewis Hamilton und Pastor Maldonado.
Team soll weiter verstärkt werden
"Wir sind nicht dort, wo wir in Bezug auf die dauerhafte Konkurrenzfähigkeit sein wollen. Wir sind immer noch dabei, das Team zu stärken, um in Zukunft konkurrenzfähiger zu sein", sagt Brawn im Interview mit "formula1.com".
Mit Geoff Willis und Aldo Costa holte Mercedes vor der Saison zwei erfahrene Konstrukteure in seine Technik-Abteilung.
Ein Effekt dieser Personalien ist für die Öffentlichkeit in den vergangenen Rennen nur schwer erkennbar.
Die Probleme mit den Pirelli-Reifen bekamen die Ingenieure in der Firmenzentrale in Brackley/England bis dato nicht in den Griff. Ein Spiegelbild zur Vorsaison.
Die Krux: Beim Mercedes-Boliden bauen die Reifen schneller ab als bei der Konkurrenz von Red Bull oder Ferrari.
Ist das Prunkstück das Problem?
Auf der Suche nach Lösungen nehmen Brawn und Co. nun auch das Prunkstück des Autos unter die Lupe.
"Wir stellen uns gerade in alle Richtungen kritische Fragen. Die machen auch vor der Motorcharakteristik nicht Halt", sagte Mercedes-Motorsport-Chef Norbert Haug gegenüber "Auto Motor und Sport".
"Die Motorcharakteristik hat einen grossen Einfluss auf den Abbau der Reifen", erklärte Teamchef Brawn.
Eine Tatsache könnte untermauern, dass der Motor eine Mitschuld an den Reifenproblemen trägt.
McLaren-Mercedes und Force India haben ebenfalls mit abbauenden Reifen zu kämpfen - und auch diese Autos werden von Mercedes-Motoren befeuert.
Stärkster Motor im Feld
Das V-8-Aggregat der Stuttgarter gilt als das leistungsstärkste im Feld. Insbesondere im mittleren Drehzahlbereich ist der Mercedes-Motor (über 780 PS) eine Macht.
Auf eine Runde ist das hilfreich, im Rennen leiden die Reifen darunter - insbesondere wenn sie über längere Abschnitte halten sollen.
Aufgrund der hohen Power im mittleren Drehzahlbereich drehen die sensiblen Pirelli-Hinterreifen häufig leicht durch, zudem kommt es zu kleinen Rutschern.
Der Reifengummi wird zu heiss und dadurch schneller aufgebraucht.
Regeländerung als Schikane?
Mercedes arbeitet bereits mit Hochdruck an Lösungen. Den Fahrern soll es erleichtert werden, die Leistung zu dosieren.
Zu einer Schikane könnte allerdings eine Regeländerung werden, die der Automobilverband FIA nach dem Rennen von Hockenheim erlassen hat.
Dort hatte Weltmeister Red Bull eine Motorensoftware verwendet, die bei Vollgas im mittleren Drehzahlbereich das Drehmoment um bis zu 35 Prozent reduzierte.
Die FIA erliess daraufhin eine Regel: Die Drehmomentkurven dürfen nicht mehr als zwei Prozent von den Versionen der ersten vier Rennen abweichen.
Achillesverse schnelle Kurven
Hinzu kommt: Der Motor ist nicht die einzige Baustelle der Silberpfeile.
In schnellen und langgezogenen Kurven fehlt es dem Auto an Abtrieb. Im Gegensatz dazu verfügt der McLaren über mehr Haftung am Heck, was die Reifen schont.
Auch höhere Temperaturen - wie in Ungarn - liegen dem W03 nicht.
"Ich bin optimistisch"
Nach der Sommerpause soll es mit den Ergebnissen wieder aufwärts gehen.
"Wir haben ein gutes Team. Ich bin optimistisch, dass wir eine stärkere zweite Saisonhälfte hinlegen werden", sagte Brawn, was seinem alten Vertrauten Michael Schumacher sicher gefallen dürfte.
Der meinte nach seinem enttäuschenden Auftritt in Ungarn nur: "Am besten wäre es, wenn das Auto schneller wird."










