Hamiltons Sekundensieg - Vettels wunder Punkt
Von Marc Ellerich
München - McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh hatte sich offenbar auf einen ruhigen Nachmittag eingestellt.
"Das wird ein langweiliges Rennen", hatte der Rennstall-Leiter vor dem Ungarn-Grand-Prix auf dem Hungaroring orakelt.
Womit der Engländer in gewisser Hinsicht sogar recht behielt. Während der gesamten 70 Runden des elften Saisonrennens gab es lediglich ein einziges Überholmanöver der Top-Piloten zu beobachten.
"Fantastische Arbeit"
Dennoch dürfte sich Whitmarsh während der gut 100 Minuten, die der ungarische Hitze-Grand-Prix dauerte, kaum entspannt zurückgelehnt haben.
Was zum einen an seinem Piloten, Pole-Setter Lewis Hamilton, lag, der 306 harte Kilometer hinter sich bringen musste, ehe er seinen zweiten Saisonsieg bejubeln durfte.
Noch viel mehr aber strapazierte das verbissene Lotus-Duo Kimi Räikkönen und Romain Grosjean seine Nerven. Nur eine Sekunde hinter Hamilton passierte der Finne den Zielstrich, bei Grosjean, der Dritter wurde, waren es deren zehn.
McLaren hatte hart für den Sieg schuften müssen, der dem Team für den Neustart nach der einmonatigen Sommerpause viel Selbstvertrauen geben dürfte.
"Fantastische Arbeit", nannte Whitmarsh anschliessend die Sieg-Fahrt seines Piloten: "Er hat keine Fehler gemacht."
Vettel vor Alonso
Fehler leistete sich auch Weltmeister Sebastian Vettel nicht. Dennoch hatte der Red-Bull-Pilot auf dem Kurs vor den Toren Budapest zu keinem Zeitpunkt eine Chance, das Trio vor sich ernsthaft anzugreifen.
Er wurde Vierter und schnitt somit besser ab als seine grössten WM-Konkurrenten: Spitzenreiter Fernando Alonso erreichte das Ziel als Fünfter, Teamkollege Mark Webber, in der WM weiterhin auf Platz zwei, wurde Achter.
Mercedes, das selbsterklärte deutsche Nationalmannschaft der Formel 1, hatte mit dem Kampf um die vorderen Platzierungen nichts zu tun. Nico Rosberg, als 13. gestartet, holte als Zehnter einen WM-Punkt, Michael Schumacher gab den aus seiner Sicht völlig verkorksten Grand Prix in Runde 58 auf.
"Hätte mehr riskieren sollen"
"Ich bin nicht enttäuscht, aber natürlich auch nicht hellauf begeistert", kommentierte Titelverteidiger Vettel seinen vierten Platz.
Am Gefühlsmix trug er durchaus eine Teilschuld.
Sein Start sei "nicht sehr gut" gewesen, meinte der Weltmeister später: "Da hätte ich vielleicht mehr riskieren sollen. So habe ich einen Platz an Jenson Button verloren."
Der Engländer profitierte vom Versuch des Deutschen, den vor ihm anrollenden Grosjean beim Start zu verladen und schlüpfte seinerseits am Red-Bull-Star vorbei.
Appell ans Team
Für Vettels Rennen hatte das fatale Folgen: "Ich habe hinter ihm festgesteckt. Es ist frustrierend, wenn man weiss, dass man schneller ist, aber nicht weiterkommt. Man kann ja auch nicht drüberfliegen."
Entnervt forderte er sein Team auf, etwas zu probieren. Red Bull wählte eine Drei-Stopp-Strategie. Vettel: "Wir haben alles versucht und mit dem Reifenwechsel am Schluss darauf gesetzt, dass die anderen Schwierigkeiten bekommen. Aber es hat eben nicht gereicht."
Für Red Bull gebe es in der Pause "allerhand zu tun", stellte der Pilot vor dem Abschied in die Ferien fest. Es fehle nicht das Tempo, sondern die Konstanz, urteilte Vettel: "Das ist der wunde Punkt."
Und: Red Bull müsse sich "in allen Bereichen verbessern".
Ein deutlicher Appell ans Team, ihn im Kampf um den dritten Titel mit besseren Mitteln auszustatten.
Räikkönen unzufrieden
So viel Diplomatie ist Kimi Räikkönens Sache nicht. Noch auf dem Siegerpodest, im Interview mit Star-Tenor Placido Domingo, machte der zweitplatzierte Iceman aus seiner Unzufriedenheit kein Hehl.
"Wir sind Zweiter, das ist nicht ausreichend", polterte er mit stoischer Miene und klagte über anfängliche Probleme mit dem Bremsenergie-Rückgewinnungssystem KERS.
Wie sehr der schnelle Finne den ersten Sieg für seinen Lotus-Rennstall will, zeigte er in Runde 46. Mit einem beinharten Manöver nach seinem zweiten Stopp, bei dem er seinen Teamkollegen Grosjean sogar berührte, drängelte er sich am Franzosen vorbei und machte sich an die letztlich vergebliche Verfolgung Hamiltons.
Und dass ihm bereits zum dritten Mal in diesem Jahr die Rolle des Geschlagenen blieb, schlug dem Formel-1-Rückkehrer dann offenbar schwer aufs Gemüt. "Wir sind nicht glücklich", stellte er fest: "Solange wir nicht gewinnen, sind wir ganz sicher nicht zufrieden."
Hamilton sieht WM-Chance
Fröhlich reist also offenbar nur einer in die Betriebsferien: Lewis Hamilton.
"Es ist schön, mit diesem Sieg in die Pause zu gehen", sagte er: "Es ist immer noch alles drin. Fernando (Alonso, d. Red.) hat noch nicht genügend Punkte. Wenn wir so weitermachen, können wir ihn einholen."
Doch ganz so unbekümmert ist der Engländer nun auch wieder nicht.
"Viel Arbeit vor uns"
Ihm war das Tempo seiner beiden Lotus-Verfolger nicht entgangen. "Die Jungs waren schnell", stellte Hamilton fest: "Wären sie ganz vorne gestartet, hätten wir sie niemals eingeholt."
Der knappe Sieg gebe zwar Rückenwind, "aber wir haben noch viel Arbeit vor uns".
Und sogar sich selbst nahm der skandalträchtige Ungarn-Sieger schliesslich in die Pflicht. "Es ist ganz, ganz wichtig wie ich durch die Sommerpause komme."
Na dann, schöne Ferien!
SPORT1
