Wie einst Jagr: NHL-Duo versetzt zweite Liga in Ekstase
Von Rainer Nachtwey
München/Crimmitschau - Es war kein Elf-Punkte-Spiel wie es einst Jaromir Jagr bei seinem Gastspiel im Januar 1995 auf das Schalker Eis zauberte.
Aber allein ihr erster Auftritt machte das beschauliche 20.000-Einwohner Städtchen Crimmitschau zumindest für einen Tag zur deutschen Eishockey-Hauptstadt.
Als die NHL-Stars Wayne Simmonds und Chris Stewart Ende September erstmals das Trikot der Eispiraten überzogen, herrschte im Sahnpark Crimmitschau Ausnahmezustand .
Die beiden Stürmer aus der besten Eishockeyliga der Welt locken Fans in die Heimspielstätte, das Medienaufkommen ist riesig, zahlreiche Kamerateams sind vertreten.
Zuschauer-Andrang in Crimmitschau
"Das Drumherum war einfach unglaublich. Die Fans haben eine Stimmung gemacht, wirklich fantastisch", sagt Simmonds in der "Eishockey News" und Geschäftsführer Rene Rudorisch beschreibt jenen Tag als "angenehm stressig".
2:1 gewannen die Eispiraten gegen die Lausitzer Füchse nach Verlängerung, ein Sieg im Derby, den 1500 Zuschauer mehr verfolgten als im Vorjahr.
Zu einem Tor reichte es noch nicht für das NHL-Duo. Immerhin war Stewart am siegbringenden Treffer beteiligt. Auch nach zwei weiteren Partien, der 2:6 Niederlage in Landshut und dem 4:1-Erfolg über den SC Riessersee warten die beiden Kanadier noch auf einen Treffer .
Simmonds-Gala gegen Riessersee
Auch wenn es für ein persönliches Erfolgserlebnis noch nicht gereicht hat, Fans, Mitspieler und Trainer sind von den beiden Nordamerika-Importen vollauf begeistert.
"Ihr Tempo und ihre Präsenz auf dem Eis sind einfach unglaublich. Das ist einfach eine ganz andere Klasse", sagt Coach Fabian Dahlem. "Das sind keine Viert-Reihen-Spieler aus der NHL, sondern echte Leistungsträger."
Dies bekamen auch die Gäste aus Garmisch-Partenkirchen zu spüren, als Simmonds drei der vier Tore vorbereitete.
Nur im Duo zu haben
Dass die Stürmer der Philadelphia Flyers (Simmonds) und St. Louis Blues (Stewart) ihr Können in der sächsischen Zweitliga-Provinz überhaupt zeigen können, ist überraschend, hat aber einen einfachen Grund.
Die Jugendfreunde Simmonds und Stewart gab es nur im Doppelpack. Für einen DEL-Klub aufgrund der Ausländerregelung und der kurzen Verweildauer der beiden schwer zu stemmen.
70.000 Euro für vier Wochen
Schwer zu stemmen ist der vierwöchige Aufenthalt der beiden NHL-Stürmer auch für die Eispiraten. Zahlreiche Sponsoren helfen, den finanziellen Aufwand von 60.000 bis 70.000 Euro für das Intermezzo aufzubringen.
"Bereits vorher haben wir uns intensiv erkundigt, wie das mit den Versicherungen laufen kann, was für Kosten auf uns zukommen und so weiter", sagt Trainer Dahlem.
Und Rudorisch erklärt: "Natürlich gehen wir auch ein wenig Risiko, aber wir würden dafür nicht die Existenz der GmbH aufs Spiel setzen". Noch fehlen den Crimmitschauern 40 Prozent der Summe.
Run auf die Trikots
Allerdings hilft das gesteigerte Interesse den Eispiraten, die Kosten einzuspielen. Auf rund 1000 Zuschauern mehr pro Spiel hoffen die Sachsen. "Pessimistisch gerechnet sind wir auch mit 200 mehr zufrieden", meint der Geschäftsführer.
Und wie gross das Interesse an den neuen Eispiraten Simmonds und Stewart bei den Fans ist, zeigt auch der Umsatz im Merchandising. Bestellungen über 130 Trikots gingen an den ersten beiden Tagen bereits ein, das sind 30 mehr als für das gesamte Jahr bei anderen Spielern.
Dahlem von Einstellung begeistert
Nicht nur die Eispiraten profitieren vom Imagegewinn, auch die Liga. "Das ist eine tolle Nummer", freut sich Liga-Chef Alexander Jäger über den Transfer-Coup und fordert die Crimmitschauer Gegner auf, "die Werbetrommel zu rühren".
Zumal die beiden Sponsoren-Termine und -Auftritte bereitwillig mitmachen. "Das sind zwei tolle Jungs", zeigt sich Dahlem begeistert, der auch vom Know-how der beiden profitiert. "Die wollen hier nicht nur Party machen, sondern sind engagiert."
Keine Lust mehr auf Lockout-Training
Wie ernst Stewart und Simmonds das Abendteuer Europa nehmen, zeigt auch ihr Interesse beim ersten Kontakt. "Sie wollten alles wissen. Wie wir trainieren, wie professionell wir aufgestellt sind, wie die Umgebung aussieht, was das für eine Liga ist", sagt Dahlem.
Simmonds und Stewart nutzen die Zeit in Crimmitschau, im Falle eines Lockout-Endes, in Wettkampf-Verfassung nach Nordamerika zurückzukehren.
"Für uns war die Chance hier einfach besser als das Lockout-Training zu Hause", sagt Simmonds, und Stewart meint: "Wir wollten unbedingt spielen."
Stewart lobt Niveau der Liga
Dafür nehmen sie auch das Zweitliga-Niveau in Kauf, wobei Stewart die Spielstärke der Liga hervorhebt.
"In dieser Liga wird gutes Eishockey gespielt. Hier gibt es auch sehr gute Spieler. Wir werden konzentriert arbeiten müssen, um Erfolg zu haben", sagt der Stürmer mit jamaikanischen Wurzeln.
Ein Erfolg ist es für die Eispiraten bereits jetzt. Auch, wenn es noch kein Elf-Punkte-Spiel zu bestaunen gab.
